Need for Speed Payback im Test - Mit Vollgas auf der Überholspur?

von Enrico 5 0 vor 1 Monat am 13.12.2017
© Electronic Arts

Der neuste Ableger der Rennspiel-Saga ist nun knapp einen Monat alt. Ist das Game ein würdiger Nachfolger vergangener Serien-Highlights oder ein Rohrkrepierer? Diese Frage beantworten wir euch, mit diesem Langzeittest!

Kommt mit auf eine Tour durch die bisher größte Welt in einem Need for Speed. Wir entführen euch nach Fortune Valley. Dabei durchqueren wir die staubtrockene Wüste Liberty Desert, fahren über die steilen Klippen von Silver Canyon, schlängeln uns durch die dichten Wälder von Mount Providence, rasen über Berge und quer durch das Verkehrsgetümmel einer florierenden Metropole namens Silver Rock.

Ja, der Schauplatz des neuesten Serienablegers hat einiges zu bieten. Abwechslung auf und neben der Straße ist angesagt. Dazu stehen uns gleich mehrere Spitzenfahrer zur Verfügung, doch dazu später mehr. Auch der Fuhrpark weiß zu überzeugen.

Aber wie sieht es im Einzelnen mit den Qualitäten des Spiels aus? Hat EA als Publisher und Ghost als ausführendes Studio wieder einmal einen Treffer gelandet oder fühlt sich die internationale Zockergemeinde ein ums andere Mal missverstanden oder gar ignoriert? Daher im folgenden zu den einzelnen Segmenten.

Optik und Grafik

Eines vorweg: einen zeitgemäßen Augenschmeichler liefert die Frostbite 3-Engine nicht ab, zumindest nicht auf der normalen PS4. Zwar sind die spielbaren Fahrzeuge detailgetreu designt und sehen in der Tat gut aus, das trifft jedoch nicht auf die anderen Verkehrsteilnehmer oder gar die Landschaft zu.

Matschige und verwaschene Texturen im Stadtgetümmel, Flora auf Feld und Wiesen von Neunzehnhundert-Herbst, lieblose Stangenszenerie in der Wüste und in den Bergen, Schatten und Reflexionen sind quasi nicht vorhanden.

Need for Speed Payback - Nissan GTR mit grünen Reifenqualm

Im Vergleich mit momentanen Grafik-Perlen wie z. B. Assetto Corsa, DriveClub, Gran Turismo Sport oder Project CARS gewinnt Need for Speed somit keinen Platz auf dem Siegerpodium, sondern allenfalls eine Teilnehmerurkunde.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Payback erzeugt gewiss keinen Augenkrebs, aber durch seine Optik wird Need for Speed ganz bestimmt keine neuen Fans generieren können. Immerhin die Beleuchtung der Boliden und die Qualm-Effekte rauchender Reifen können sich sehen lassen. Das Schadensmodell der Rennsemmeln wurde auch großartig umgesetzt.

Need for Speed Payback - Mustang GT beschädigt

Im Großen und Ganzen jedoch ist die Grafik von Payback allenfalls solide Hausmannskost, statt ein delikates 5-Sterne-Menü.

Sound und Atmosphäre

Klar, Musik ist bekanntermaßen Geschmackssache. Dennoch benötigt ein Rennspiel fetten Motorsound und die richtige Abstimmung von Umgebungslärm und Geräuscheffekten um eine stimmige Atmosphäre zu erzeugen. Wie fügt sich beispielsweise das Heulen der Polizeisirenen in die Gesamtakustik ein oder ist das Quietschen der Reifen zu schrill beim driften?

Nein, die Soundkulisse bei Need for Speed passt wie ein maßgefertigter Sportschalensitz. Und auch der ausgewählte Song-Mix der heutigen Pop- und Rockkultur wirkt nicht nervig. Gerade der Polizeifunk, den man optional auch über den Controller ausgeben lassen kann, schafft während einer hitzigen Verfolgungsjagd ein Gefühl, wie in einem Blockbuster im Kino. Wir empfehlen euch die Benutzung eines vernünftigen Headsets, um all die verschiedenen Einflüsse und akustischen Eindrücke richtig genießen zu können.

Need for Speed Payback - Mustang GT mit grünen Reifenqualm in Richtung Brücke

Apropos Blockbuster: zu einer guten Atmosphäre trägt auch die Story und vor allem die Inszenierung erheblich bei. Die Storyline von Payback erreicht qualitativ in etwa B-Movie-Niveau. Man hat definitiv schon ausgeklügelteres, einfallsreicheres gesehen, wird aber dennoch gut unterhalten. Und obwohl die Geschichte doch recht seicht ist, kann man die Charaktere ganz gut leiden oder eben richtig schön verachten.

Kurzum: die Story fesselt zwar nicht wie ein spannender Krimi von Hitchcock, weiß aber trotzdem zu gefallen und hält einen bei der Stange. Die Atmosphäre ist stimmig und treibt einen immer zum erneuten Kampf um die Führungsposition an.

Gameplay und Handling

Das Kernstück eines jeden Videospiels ist zweifellos das Gameplay, umso mehr bei einem Rennspiel. Selbst wenn es sich bloß um einen Arcade-Racer handelt. Wie also sieht es mit dem Handling der Sportvehikel aus und wie unterschiedlich lassen sich die einzelnen Boliden fahren?

Ernüchternd. Die Steuerung ist zwar präzise und ausgewogen, jedoch wenig abwechslungsreich. Ein Civic Type R fühlt sich bei 180 praktisch genauso an, wie ein Lamborghini Huracan bei 300 km/h – wie kann das sein?

Ein wirklicher Geschwindigkeitsrausch stellt sich so auch nicht bei einem Highspeed-Rennen ein. Auch die Handlingeigenschaften verschiedenster Wagen unterscheiden sich kaum. Eine giftige Viper SRT lenkt sich im Grunde genauso spielerisch, wie ein austarierter Nissan GTR Premium oder ein präziser Porsche 911 GT3 RS. Das Einzige was sich tatsächlich voneinander differenziert, sind beispielsweise Fahrzeuge, die für das Driften aufgebaut wurden und Fahrzeuge die für Drag Races eine Blaupause erhalten haben. Ansonsten eher eintönig, egal ob schweres SUV oder schnittiges Coupe.

Gerade das Tuning gleicht im Prinzip Fahrzeuge verschiedenster Arten und Leistungsstufen soweit an, dass man meinen könnte, die Entwickler hätten an vielleicht drei oder vier unterschiedlichen Boliden gearbeitet. Von Abwechslung, und ganz zu schweigen von Realismus, also keine Spur.

Ein Pluspunkt immerhin: die Gegner bleiben so auch mit mehreren Levels über einem noch schlagbar – oder besser – überholbar. Das Game bleibt also stets motivierend.

Umfang und Abseits der Strecke

Zu den Variationen, in Form von Modi´s, sei folgendes gesagt: es gibt fünf verschiedene Fahrzeugklassen. Racer, Drift, Offroad, Drag und Runner. Genauso viele Renntypen gibt es auch, wobei Runner die Fluchtfahrzeuge darstellen.

Hinzu kommen noch quer über die riesige Map verteilte Challanges. Radarfallen die euren Topspeed erfassen. Speedruns bei denen man eine gewisse Strecke mit einer bestimmten Durchschnittsgeschwindigkeit absolvieren muss. Driftzonen sind Streckenabschnitte, in denen ihr eine vorgegebene Punktzahl überbieten sollt. Und Schanzen die zu waghalsigen Sprüngen einladen.

Mitsubishi EVO 9 im Sprung über Rampe

Wir greifen nun einmal vor und thematisieren den Multiplayer. Warum? Weil der relativ schnell erklärt ist. Ihr könnt entweder querfeldein durch Fortune Valley düsen und versuchen Benchmarks eurer Freunde, und vor allem anderer Spieler, zu brechen und eigene Rekorde aufzustellen. Oder ihr tretet in der sogenannten Speedlist gegen menschliche Rivalen in kurzen Rennserien an. Dabei wählt ihr zwischen Casual und Ranglisten-Events. Ihr fahrt ausschließlich in der Racer- und Offroad-Szene. Eigene Kurse erstellen ist nicht drin und einfach mal gemütlich mit euren Kumpels durch die Spielwelt cruisen ala The Crew, lässt euch das Game auch nicht. Im Bezug auf das kooperative Spielerlebnis gibts hier klare Abzüge in der B-Note.

Zusätzlich sind in der ganzen Spielwelt noch Casino-Chips zum einsammeln und Plakatwände zum zerschmettern verteilt.

Das interessante jedoch sind die Wracks. Payback belohnt eifrige Entdecker hin und wieder mit Einzelteilen gammliger Schrottkarren, die irgendwo in der Botanik vor sich hin oxidieren. Klingt mieser, als es tatsächlich gemeint ist. Habt ihr erst mal eines der fünf abgewrackten Fahrzeuge fertiggestellt, könnt ihr daraus ein Renner ganz nach euren Vorlieben kreieren. Wer hätte nicht gerne einen Herbie (VW Käfer) als abgefahrenen Dragracer. Oder eine alte Nissan Fairlady 240ZG als Offroader mit riesigen Schlappen.

Ab und an könnt ihr euch an der Flucht mit heißer Ware versuchen. Dann nämlich, wenn ihr in der Nähe einer zufällig generierten Kiste vorbeirast. Sammelt man diese auf, startet sogleich ein deftiger Großeinsatz der ortsansässigen Ordnungshüter. Gelingt euch die Flucht, werdet ihr mit Credits und Speed-Karten belohnt.

Performance-Tuning

Stichwort Speed-Karten. Man tunt, ganz nach modernem EA-Konsens, die Performance seiner Wagen nicht mehr klassisch in einer Tuningwerkstatt, indem man sich z. B. einen größeren Turbolader oder Kompressor einbaut, die Bremsen verbessert, Semi-Slicks aufzieht oder ein Nitrosystem nachrüstet. Nein, wir tunen mit Speed-Karten.

Sprich wir fahren ein Rennen und gewinnen dieses. Anschließend winkt nach den obligatorischen Belohnungen wie REP (Erfahrungspunkte) und Credits eine Glücksspiel-Runde aller Hütchenspiel. Ihr wählt eine von drei verdeckten Karten aus. Egal ob ihr die Karte der insgesamt sechs verschiedenen Kategorien gebrauchen könnt oder nicht, diese Karte ist jetzt die eure.

Auspuff, Block, Getriebe, Kopf, Steuergerät und Turbo sind die sechs Kategorien, nach denen unterschieden wird. Zusätzlich gibt es noch ein paar verschiedene Hersteller (Marken) der Tuningparts die euch diverse Boni´s spendieren, beispielsweise mehr Nitro, bessere Bremsen oder höheres Tempo. Habt ihr mindestens drei Speed-Karten von einem Set, also einer Marke, werden zwei spezifische Attribute (Beschleunigung, Bremsen, Nitro, Sprung oder Tempo) noch weiter verstärkt.

Wir könnten uns die Teile auch beim örtlichen Kartenhändler um die Ecke kaufen gehen. Diese sind meistens jedoch noch schlechter und das Angebot wechselt im 10-Minuten-Takt. Oder wir tauschen im Gegenzug zu den raren Teile-Token, in einem Roll drei Token gegen eine Karte. Dabei haben wir immerhin wahlweise auf das Bauteil, die Marke oder den Bonus direkten Einfluss durch Vorauswahl.

Mikrotransaktionen

Noch so eine clevere Sache von EA und Ghost: Teile-Token. Entweder ihr sammelt diese beständig durch Lieferungen oder ihr könnt sie im Zuge einer Art Vorratskiste gegen digitales Echtgeld kaufen. Mit eurem Kontostand erwerbt ihr sogenannte Speed-Points, die In-Game-Währung von Need for Speed Payback. Mit diesen lassen sich ebenfalls Lieferungen ergattern. Dass das allerdings schnell ins Geld gehen kann, kann sicher jeder nachvollziehen.

Erfreulicherweise ist dies aber nicht zwingend notwendig. Mit etwas Geduld, und dem koordinierten Einsatz eurer Teile-Token und nicht genutzten Speed-Karten vorausgesetzt, schafft man es auch ohne weitere Investitionen sich einen ansehnlichen Fuhrpark aufzubauen.

Dennoch fragt man sich, wie EA auf die Idee kam, mit dem Performance-Tuning virtueller Fahrzeuge noch zusätzlich Profite zu generieren. Es gibt bestimmte Spiele und Geschäftsmodelle da ergeben Mikrotransaktionen sicherlich Sinn oder fügen sich gut in das Game-Design ein. Aber bei einem Vollpreistitel, der bekannt ist für seine Modifikationsmöglichkeiten von Fahrzeugen? Ich möchte hier gewiss keine politische Diskussion lostreten, aber ist das noch gesunder Kommerz oder schon pathologische Gier? Okay, das muss jeder für sich entscheiden.

Optisches Tuning

Sportwagen und Supersportwagen nach herzenslust individuell selbst gestalten ist spätestens seit den Underground-Anfängen ein fester Bestandteil der Rennspiel-Saga Need for Speed. Doch leider enttäuschten gerade die letzteren Serienableger in dieser Hinsicht. Wie sieht es mit Payback aus?

Ganz gut möchte man meinen. Nein, das System ist nicht ganz so umfangreich wie in den glorreichen Tagen von Underground 2 oder bei The Crew. Dennoch verliert man gerne mal die Zeit aus den Augen und verbringt locker die ein oder andere Stunde in der Werkstatt. Gerade bei den Lackierungen und Designs der Folierungen könnt ihr eurer Kreativität freien Lauf lassen.

Was aber teilweise sauer aufstößt, ist die Tatsache, dass man sich manche Anbauteile, beispielsweise Frontschürzen oder Kofferraumdeckel, nicht vorher ansehen kann. Ab und an behindert ein bereits vorhandenes Bauteil dessen Einsatz. Um das Teil also dennoch zu beurteilen ist experimentieren angesagt. Blöd bloß, wenn ihr dadurch Credits für etwas ausgeben müsst, was ihr eigentlich gar nicht kaufen wollt. Wie wäre es hier mit einer Vorschaufunktion?

Trotzdem sollte sich hier jeder seinen Traumwagen zusammenklempnern können.

Was gibt´s Neues?

Neu ist vor allem, dass wir, ganz dem modernen Trend folgend, nicht nur einen Fahrer steuern, sondern ein Trio. Tyler ist die Hauptfigur des Spiels und für Street und Drag Races zuständig. Jessica ist die routinierte Fluchtwagenfahrerin und spezialisiert auf wilde Verfolgungsjagden und Kuriermissionen. Sean ist das verrückte Plappermaul des Dreiergespanns und süchtig nach dem nächsten Adrenalinkick. Er ist folglich für Offroad und Drifts verantwortlich. Komplettiert wird die Crew von Meistermechaniker und Chefingenieur Ravindra.

Im Gegensatz zum Vorgänger kann man sich wieder ein Air-Ride-Fahrwerk zulegen. Wer´s mag. Ein Foto-Editor ist ebenfalls an Bord, wurde jedoch weiter verfeinert. Dennoch fehlt eine Zeitrafferfunktion, mit der sich der Tagesverlauf simulieren lässt.

Need for Speed Payback - Nissan Fairlady 240ZG an der Klippe in Szene gesetzt

Was im letzten Teil schmerzlich vermisst wurde, feiert ein Revival: die Cops! Wir können uns endlich wieder hitzige Verfolgungsjagden mit der exekutiven Gewalt eines fiktiven Rechtsstaates liefern. Und wenn die Jungs und Mädels vom Ordnungsamt im Zuge einer Fluchtmission zur Tat schreiten, fliegen ordentlich die Fetzen bzw. Funken und Karbon-Splitter.

Ansonsten sind altbekannte Features mit von der Partie: Unterbodenbeleuchtung, farbiger Reifenqualm und Nitroausstoß, verschiedene Hupen. Vielmehr Unterschiede, abgesehen von der Storyline, gibt zu den Vorgängern leider nicht. Man hat stets das Gefühl alles schon einmal so oder so ähnlich in der Reihe gesehen und erlebt zu haben. Schade eigentlich. Aber okay, wie bitte schön will man den rollenden Reifen auch neu erfinden?

Eine gute Nachricht noch kurz vor der Zielgeraden: der Online-Zwang ist passe und wurde aus dem Rennen genommen. Gut so!

Fazit

Was ist Need for Speed Payback für ein Rennspiel? Was bleibt nach dem Abzug nicht mehr ganz zeitgemäßer Visualität/ Grafik, limitierter Multiplayer-Inhalte, fragwürdigem Leistungstuning, Mikrotransaktionen, keinen neuen Impulsen bzw. Innovationen und laschen Fahrzeughandling?

Überraschender Weise ein unterhaltsamer Wochenend-Racer! Klar, Payback verschenkt eine Menge Potenzial. Gerade von dem Tuning hätte ich persönlich einiges mehr erwartet. Und ja, die Story spult sich anfangs wie eine schlecht gemachte Fast and Furious x1000-Kopie ab. Aber wer dem Game eine Chance auf den zweiten Blick einräumt, wird über die gesamte Spielzeit gut unterhalten.

Die Rennen und Fluchtfahrten sind durchweg spannend und gut inszeniert. Das Modifizieren der Autos kann euch über Stunden hinweg fesseln. Die Umgebung lädt immer wieder zu Erkundungstouren ein. Und ihr werdet euch dabei ertappen, wie ihr immer wieder denkt: komm, den einen Rekord knacke ich noch schnell. Oder ich will das Rennen unbedingt gewinnen.

Die Charaktere sind zwar weder vielschichtig noch besonders herausragend designt, trotzdem werdet ihr mit ihnen mitfiebern können. Und irgendetwas wird euch, vorausgesetzt ihr habt euch zur Anschaffung von Payback entschlossen, bis zum Abspann vor dem Fernseher festhalten wie ein Drei-Punkt-Gurt.

Keine klare Kaufempfehlung, falsch macht man mit Need for Speed Payback jedoch auch nicht viel.

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